Ist es zu spät, eine Sprache zu lernen?
Diese Frage höre ich in fast jedem ersten Gespräch. Meist klingt sie so: „Ich bin dreiundsechzig — lohnt sich das überhaupt noch?" Die Antwort ist ein klares Ja, und dafür gibt es gute Gründe.
Was Erwachsene besser können als Kinder
Kinder lernen Aussprache leichter — das stimmt. Bei allem anderen sind Erwachsene im Vorteil, und zwar deutlich:
Sie verstehen Zusammenhänge. Wenn ich erkläre, dass das beschreibende Wort im Spanischen hinter der Sache steht, haben Sie es in einer Minute begriffen. Ein Kind braucht dafür Monate voller Beispiele.
Sie haben Wortschatz. Sie kennen Tausende Begriffe in Ihrer eigenen Sprache und oft Reste aus dem Schulenglisch oder -französisch. Vieles im Spanischen ist damit fast geschenkt: el hotel, el taxi, el problema, la música.
Sie wissen, warum Sie es tun. Das ist der größte Unterschied. Ein Kind lernt, weil es muss. Sie lernen, weil Sie im Juni in Spanien am Tisch sitzen und mitreden möchten. Dieses Warum trägt weiter als jedes Talent.
Was sich mit den Jahren wirklich ändert
Zwei Dinge, und beide lassen sich einfach berücksichtigen. Erstens: Das Ohr braucht mehr Zeit, um schnelle Sprache zu zerlegen — deshalb gehört langsames, deutliches Sprechen zum Unterricht dazu, nicht als Zugeständnis, sondern als Methode. Zweitens: Neues bleibt besser haften, wenn es an Vertrautes andockt. Deshalb funktionieren Geschichten mit wiederkehrenden Figuren so gut.
Was Sprachenlernen im Kopf bewirkt
Eine neue Sprache beschäftigt Gedächtnis, Gehör, Aufmerksamkeit und Sprechmotorik gleichzeitig — wenige Beschäftigungen tun das. Dazu kommt etwas, das sich schwerer messen lässt und sich trotzdem jede Woche zeigt: das Gefühl, dass man noch Neues anfangen kann. Meine Teilnehmerinnen sagen das fast wörtlich, meist nach der dritten Lektion.
Also: zu spät ist es nicht. Der beste Zeitpunkt war vor zwanzig Jahren — der zweitbeste ist heute Nachmittag.
— Ana, Spanischlehrerin seit dem Jahr 2000