Post aus Spanien: Klaus hatte Kopfschmerzen und das ganze Land hatte zu
Post aus Spanien · August — der lange Brief von Renate und Klaus.
Liebe Leserin, lieber Leser,
wir sind seit zwei Wochen in Spanien, eine Stunde hinter Valencia, in einem Ort mit dreitausend Einwohnern und einer Straße, die um diese Jahreszeit vollkommen leer daliegt. Und wir schreiben dir, weil uns hier etwas passiert ist, das dir genauso passieren wird, wenn du im August herkommst.
Es war zwei Uhr nachmittags. Vierzig grados. Auf der ganzen Straße war ein einziges Lebewesen unterwegs: un gato, im Schatten unter einem Auto, mit einem Blick auf uns wie auf zwei Leute, die etwas Grundsätzliches über das Leben noch nicht begriffen haben.
Und Klaus hatte Kopfschmerzen. Zu wenig Wasser, zu viel sol, eine Tablette hätte gereicht. Mein Mann nimmt so etwas allerdings sehr ernst. Er legte sich aufs Sofa, machte die Augen zu und sagte: „Geh du ruhig. Der vino im Kühlschrank ist für dich."
Also bin ich los.
Die erste farmacia lag an der Ecke, cincuenta metros. Ein Zettel an der puerta.
Die zweite, drei Straßen weiter: das grüne Kreuz aus, dahinter dunkel, derselbe Zettel.
Die dritte lag oben am Platz. Zwanzig minutos bergauf, mittags, ohne Schatten. Ich bin sie trotzdem hochgegangen, weil ich Hamburgerin bin und wir so etwas durchziehen. Oben angekommen las ich:
Cerrado por vacaciones.
Geschlossen wegen Urlaub.
Ich stand da, mit dem Rücken zur Tür, in ungefähr einem halben metro Schatten, und überlegte, in welchen Worten ich Klaus davon berichten würde. Da ging hinter mir ein Fenster auf.
Eine Frau, siebzig vielleicht, Kittelschürze, auf dem Balkon vier Töpfe Geranien.
¿Qué pasa?
Was ist denn los?
Ich konnte damals einundzwanzig spanische Wörter, und keins davon passte. Also habe ich auf meinen Kopf gezeigt, „mi marido" gesagt und ein Gesicht gemacht, das auf der ganzen Welt dasselbe bedeutet.
Das reichte vollkommen.
Das Fenster ging zu. Zwei Minuten später stand sie in der Haustür: in der einen Hand eine angebrochene Packung Aspirin, in der anderen ein Glas agua. Das Glas war für mich. Sie hatte offenbar mitgerechnet, wie weit der Weg hier herauf ist.
No hay farmacia hasta septiembre. Pero hay vecinas.
Bis September gibt es keine Apotheke. Aber es gibt Nachbarinnen.
Diesen Satz habe ich mir aufgeschrieben, noch bevor ich den Berg wieder hinuntergegangen bin.
Klaus bekam seine Tablette. Ich bekam etwas Besseres: Ich weiß seitdem, dass man hier mit einundzwanzig Wörtern und einem ehrlichen Gesicht erstaunlich weit kommt. Und dass hinter jedem geschlossenen Laden noch ungefähr acht Fenster sind.
Am Abend saßen wir bei ihr auf dem Balkon, mit Melone, mit Mückenspray und mit Carmen von nebenan. Wie das ausging, erzähle ich dir im nächsten Brief.
Was uns mit der Sprache passiert ist
Klaus erklärt sich. Ausführlich. Am Abend auf dem Balkon wollte er sich bei der vecina bedanken und gleichzeitig zugeben, dass ihm die Sache mit dem Berg ein bisschen peinlich war. Er legte die mano aufs Herz, sah sie an und sagte langsam und feierlich:
Estoy embarazado.
Die Nachbarin hat gelacht, bis sie sich setzen musste. Carmen hat mitgelacht. Auf dem Nachbarbalkon hat jemand geklatscht.
Denn embarazado heißt schwanger. Klaus hatte gerade sehr würdevoll eine Neuigkeit verkündet.
Dabei brauchst du dafür gar kein großes Wort. Zwei kleine reichen, und du kannst sie in jeder Lage der Welt gebrauchen:
Lo siento. — Es tut mir leid.
Klaus benutzt den Satz jetzt sehr gern. Er sagt, er habe an dem Abend gelernt, dass Kürze in einer fremden Sprache das ganze Familienglück rettet.
Bei mir ging es ums Frühstück. Ich wollte Butter kaufen und griff im Laden beherzt zur manteca, weil das ja wohl klar war. Zu Hause stellte sich heraus: Schweineschmalz.
Klaus fand es großartig. Man isst das hier tatsächlich, auf geröstetem pan mit Salz, und er hat die ganze Dose allein aufgegessen und dabei jedes Mal gesagt, wie gut ich mitdenke.
Butter heißt mantequilla. Ein Wort mehr — und du bekommst genau das, was du dir vorgestellt hast. Oder du machst es wie ich und probierst einfach, was in der Tüte ist.
Das Fest, von dem hier gerade alle reden
Am letzten Mittwoch im August — dieses Jahr am 26. August — treffen sich in Buñol, einem pueblo mit 9.000 Einwohnern, eine halbe Stunde von hier, rund zwanzigtausend Menschen in einer engen calle. Das Fest heißt La Tomatina.
Um elf Uhr fahren Lastwagen mit tomates vor. Eine Stunde lang bewirft sich der ganze Ort. Dann eine sirena, und es ist vorbei.
Zwei Regeln gelten dort, und beide sagen viel über Spanien:
- Die Tomate wird zerdrückt, bevor man sie wirft. Eine feste Tomate tut weh. - Nach der Sirene wird nicht mehr geworfen. Punkt.
Danach kommt die Feuerwehr mit den Schläuchen, und eine Stunde später ist die Straße sauberer als vorher — die Säure der Tomaten poliert die Pflastersteine. Das ist kein Scherz, das ist Chemie.
Angefangen hat alles 1945 mit einer Rauferei unter Jugendlichen auf dem Marktplatz. Im Jahr darauf kamen dieselben Jungen wieder — mit eigenen Tomaten.
Warum hier im August alles zu ist
Damit du weißt, was dich erwartet: Was mir mit der Apotheke passiert ist, gehört hier zum August dazu — jeder im Ort hätte es mir vorher sagen können.
Es ist heiß, und wer kann, fährt weg. Die Städte leeren sich, die pueblos füllen sich. Wer in Madrid wohnt, aber aus einem pueblo in León stammt, ist im August dort — bei der familia, mit den Enkeln, im selben Haus wie letztes Jahr und wie vor dreißig Jahren. Diese Sommergäste heißen hier die Sommergäste, und das ganze Dorf weiß, wann sie kommen.
Der Bäcker fährt mit. Der Schuster fährt mit. Die Apothekerin auch — eine bleibt im Notdienst offen, aber die kann zwölf kilómetros weiter liegen.
Für dich heißt das zweierlei. Erstens: In der Stadt hast du im August die schönsten Plätze für dich allein. Zweitens: Kauf, was du brauchst, bevor du es brauchst. Und wenn doch einmal alles zu ist — frag jemanden. Das ist hier immer die Lösung.
Fünf Wörter, die wir diesen Monat gelernt haben
Sie standen alle oben schon in unserem Brief — du hast sie beim Lesen längst verstanden:
| el sol | die Sonne |
| la farmacia | die Apotheke |
| cincuenta metros | fünfzig Meter |
| la puerta | die Tür |
| el agua | das Wasser |
Anas Satz für diesen Monat
Ana hat uns vor der Reise gesagt: Wenn im August die halbe Straße geschlossen hat, ist „¿Está abierto?" schon beantwortet — du siehst es ja. Frag lieber den Nachbarn:
¿Cuándo vuelven? — Wann kommen sie wieder?
Sie hatte recht. Das ist die Frage, die im August wirklich weiterhilft. Und du bekommst fast immer eine Antwort, die du verstehst: en septiembre · el lunes · mañana.
Wir melden uns im September wieder — dann sind wir mitten in der Weinlese.
Herzliche Grüße aus dem halben metro Schatten Renate und Klaus
P.S. von Klaus: Ich möchte festhalten, dass ich hier lag und mich innerlich
bereits von allen verabschiedet hatte, während Renate spazieren war und
anschließend ein Glas Wasser bekam. Ich bekam eine Tablette aus einer
angebrochenen Packung. Ich sage dazu nichts weiter, ich erwähne es nur, falls
später jemand fragt, wie das damals war.
Ana hat uns eine kleine Aufgabe mitgegeben · Stufe A1
Falls du magst — drei Minuten, die Auflösung steht direkt darunter.
Was steht auf dem Zettel?
Ich habe an diesem Nachmittag drei davon gelesen. Hier sind sieben, die in Spanien wirklich an den Türen hängen. Rate ruhig.
| 1 | ABIERTO |
| 2 | CERRADO POR VACACIONES |
| 3 | VOLVEMOS EN SEPTIEMBRE |
| 4 | HORARIO DE VERANO |
| 5 | EMPUJAR |
| 6 | TIRAR |
| 7 | SE ALQUILA |
Die Auflösung
1 offen · 2 geschlossen wegen Urlaub · 3 wir kommen im September wieder · 4 Sommeröffnungszeiten · 5 drücken · 6 ziehen · 7 zu vermieten
💡 Die zwei, die dir im Alltag am meisten helfen, sind 5 und 6: Sie stehen an jeder Ladentür der Welt, und man verwechselt sie genau einmal.
Post aus Spanien kommt einmal im Monat. Wenn Sie mögen, geben Sie ihn weiter — er ist für alle da.
Post aus Spanien kommt einmal im Monat.