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Post aus Spanien: Klaus wollte eine Avocado kaufen und bestellte einen Anwalt

Post aus Spanien · September — der lange Brief von Renate und Klaus.

Post aus Spanien im September

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir schreiben dir aus Requena, eine Stunde hinter Valencia, oben auf einer Hochebene. Hier riecht gerade das ganze Dorf nach Traubensaft, an jeder Straßenecke steht ein tractor im Weg, dazwischen fährt der Bäcker auf seiner bicicleta hindurch, als wäre nichts, und alle reden über dasselbe: die vendimia, die Weinlese.

Angefangen hat es damit, dass uns Carmen im August auf dem Balkon eingeladen hat. Wir haben höflich genickt und gedacht: nett gemeint. Merk dir das — in Spanien ist es nie nur nett gemeint. Am zehnten septiembre klingelte das Telefon: „Samstag. Um sieben. Bringt eine Jacke mit."

Eine Jacke. In Spanien. Ich habe sie eingepackt, wie man einen Regenschirm einpackt: aus reiner Höflichkeit dem Wetterbericht gegenüber.

Um sieben Uhr morgens standen wir zwischen den Reben, und es waren acht grados. Acht. Ich habe die Jacke bis halb zehn angehabt und Carmen dabei kein einziges Mal angesehen, weil sie sonst etwas gesagt hätte. Sie hat es trotzdem gesagt.

Um zwölf waren es dann dreißig. Man zieht sich hier morgens an wie im Oktober und mittags wie im Juli, und dazwischen liegen vier Stunden.

Jeder bekam eine Schere und zwei Reihen. Klaus bekam außerdem eine Nachbarin: achtzig Jahre alt, Kopftuch, Hände wie ein Uhrwerk — die abuela des Hauses.

Du kennst meinen Mann. Klaus ist der freundlichste Mensch der Welt, bis zu dem Moment, in dem jemand schneller ist als er. Ich habe genau gesehen, wann es passierte: Er hat kurz zu ihrer Kiste hinübergeschaut, dann hat er die Brille abgesetzt, und ab da wurde nicht mehr gesprochen.

Nach zwei Stunden stand es abuela elf Kisten, Klaus sieben.

Sie hat ihn die ganze Zeit angelächelt wie eine Großmutter, die weiß, wie das ausgeht, und irgendwann sagte sie einen Satz, den sogar ich verstanden habe, weil er ganz langsam kam:

Despacio. Las uvas no corren.
Langsam. Die Trauben laufen nicht weg.

Klaus hat genickt. Und weitergeschnitten wie eine Maschine.

Um neun kam der tractor mit dem desayuno: pan, tomates, aceite, queso, Wurst — und Wein. Um neun Uhr morgens. Klaus hat sehr höflich nach agua gefragt. Carmens Onkel hat ihm Wasser gebracht. In einem Weinglas. Damit es niemandem auffällt.

Was uns mit der Sprache passiert ist

Und jetzt kommt der Teil, für den ich dir diesen Brief eigentlich schreibe. Drei Wörter, die du nach dieser Geschichte nie wieder verwechselst — wir haben es gründlich für dich ausprobiert.

Erstens: Klaus bestellt einen Anwalt. Am Markttag wollte er Guacamole machen. Er stellte sich vor den Gemüsestand, richtete sich zu voller Größe auf und sagte mit der Betonung eines Mannes, der sich vorbereitet hat: „Un abogado, por favor."

Die Frau legte die Melone weg, stemmte die Hände in die Hüften und fragte:

¿Un abogado? ¿Para qué?
Einen Anwalt? Wofür denn?

Denn abogado heißt Anwalt. Die Avocado heißt aguacate.

Der halbe Markt drehte sich um. Ein Herr mit sombrero rief quer über den Platz, er kenne einen guten. Eine Dame wollte wissen, ob es etwas mit dem Haus zu tun habe. Klaus stand mitten in seiner ersten spanischen Beratung und hielt sich tapfer.

Er hat dann drei wunderbare aguacates bekommen. Und seit diesem Tag ruft ihm die Frau schon von Weitem über den ganzen Markt zu: „¡Hola, abogado!" Er winkt inzwischen zurück. Ich glaube, es gefällt ihm.

Zweitens: der nützlichste Satz dieses Briefes, und den habe ich mir erarbeitet. Im Restaurant habe ich um „el menú" gebeten, weil ich lesen wollte, was es gibt. Der camarero nickte zufrieden und ging.

El menú ist hier nämlich das feste Mittagsmenü. Ich bekam also drei Gänge, die ich mir nie ausgesucht hätte — und alle drei waren besser als das, was ich bestellt hätte. Zwölf Euro, mit Wein.

Die Karte zum Aussuchen heißt la carta. Wenn du also lesen möchtest, sag:

La carta, por favor.

Und wenn du Lust auf eine Überraschung hast, bleibst du beim menú. Ich mache das jetzt öfter.

Drittens: Klaus wollte Thunfisch und bekam ein Konzert. Am Dorfplatz hing ein Plakat: „Gran actuación de la Tuna." Klaus las Tuna, dachte an Thunfisch und wollte augenblicklich hin. Er hat den ganzen Nachmittag davon gesprochen, wie gut gegrillter Fisch auf so einem Platz schmecken müsse.

Der Thunfisch heißt atún. La tuna ist eine Gruppe von Studenten in schwarzen Umhängen, mit Gitarren, Mandolinen und bunten Bändern, die abends singend durch die calles ziehen — eine Sitte, die älter ist als fast alles, was wir zu Hause haben.

Wir sind hingegangen, und es wurde der schönste Abend der Woche. Klaus hat bis halb zwei zugehört, mitgesummt und auf dem Heimweg gesagt, das sei der beste Thunfisch seines Lebens gewesen.

Das Fest, von dem hier gerade alle reden

Nächste Woche fahren wir hoch in die Rioja, nach Logroño. Dort ist vom 19. bis 25. September die größte Weinfiesta des Landes: San Mateo, nach dem Heiligen des 21. September, und sie heißt zugleich Fiestas de la Vendimia Riojana.

Das Herzstück ist am 21. September vor dem Rathaus: das das Traubentreten, das Traubentreten. Zwei Männer in weißem Hemd, Weste und roter Schärpe steigen barfuß in eine hölzerne Bütte voller Trauben und treten sie mit den Füßen, so wie man es zweitausend Jahre lang gemacht hat. Dieselbe Familie macht das dort seit Jahrzehnten.

Was herausläuft, ist der erste der Most des Jahrgangs — der Most. Er wird in einen Krug gefüllt und der Virgen de Valvanera dargebracht, der Schutzpatronin der Rioja. Und erst danach fängt die Woche richtig an: Umzüge, música, Feuerwerk.

Eine ganze Region legt fest, wann ihr Wein beginnt — und sie fängt mit zwei Paar bloßen Füßen an. Klaus sagt, er habe sich bereits beworben. Man müsse ja irgendwo unterkommen, wenn man beim Traubenschneiden gegen eine Achtzigjährige verliert.

Fünf Wörter, die wir diesen Monat gelernt haben

Sie standen alle oben schon in unserem Brief — du hast sie beim Lesen längst verstanden:

la bicicletadas Fahrrad
la vendimiadie Weinlese
la abueladie Großmutter
el desayunodas Frühstück
el quesoder Käse

Anas Satz für diesen Monat

Ana hat uns vor der Reise einen Satz beigebracht, und ich habe ihn hier mindestens zwanzigmal gebraucht — im Weingut, am Käsestand, auf dem Markt, bei einer Frau, die Honig aus dem Kofferraum verkauft:

¿Puedo probar? — Darf ich probieren?

Die Antwort verstehst du immer: sí, claro · por supuesto · ¡adelante!

Und wenn es schmeckt, sagst du, was wir bei ihr in der ersten Woche gelernt haben: ¡Qué rico! Ein Wort, das hier alle Türen öffnet und übrigens auch dann funktioniert, wenn man den Namen des Gerichts nicht kennt.

Wir melden uns im Oktober wieder. Bis dahin: probier alles.

Herzliche Grüße aus Requena Renate und Klaus

P.S. von Klaus: Elf zu sieben, und sie ist achtzig. Rein rechnerisch habe
ich noch zwanzig Jahre für die Revanche und sie höchstens zehn — insofern
gewinne ich das noch. Meine manos waren drei Tage dunkelviolett. Ich habe sie
zu Hause jedem gezeigt und dazu nichts gesagt. Wirkt besser.

Ana hat uns eine kleine Aufgabe mitgegeben · Stufe A1

Falls du magst — drei Minuten, die Auflösung steht direkt darunter.

Was passt zusammen?

Ala uva1das Frühstück
Bel vino2der Tisch
Cla mesa3die Traube
Dlas manos4der Wein
Eel desayuno5die Hände

Die Auflösung

A–3 · B–4 · C–2 · D–5 · E–1

💡 la mesa nimmst du im Restaurant gleich wieder mit: una mesa para dos, por favor.

Post aus Spanien kommt einmal im Monat. Wenn Sie mögen, geben Sie ihn weiter — er ist für alle da.

Post aus Spanien kommt einmal im Monat.

Probieren Sie es aus

Renate und Klaus sind die beiden aus dem Kurs Spanisch für Erwachsene ab 50. Er beginnt ganz von vorn — mit Dialogen aus dem Alltag, langsamem Ton und großer Schrift. Die erste Lektion steht offen für Sie bereit: rund zwanzig Minuten, und am Ende sprechen Sie Ihren ersten spanischen Satz.

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