Post aus Spanien: Klaus hat ein Gebäck falsch angefasst und sah aus wie ein Müller
Post aus Spanien · Dezember — der lange Brief von Renate und Klaus.
Liebe Leserin, lieber Leser,
wir bleiben dieses Jahr über Weihnachten hier, und ich kann dir sagen: Es ist ganz anders, als wir gedacht haben. Und es fängt schon lange vor dem vierundzwanzigsten an.
Am 22. Dezember steht das halbe Land still. An diesem Vormittag wird die große Weihnachtslotterie gezogen, und die Zahlen werden nicht verlesen, sondern gesungen — von Kindern der Madrider Schule San Ildefonso, seit über zwei Jahrhunderten, eines singt die Nummer, das andere den Betrag.
In der Kneipe am Platz lief es auf einem Fernseher, den sonst niemand einschaltet. Alle hatten dasselbe Los: Der Wirt kauft eines für die ganze calle und verkauft Zehntel weiter, damit im Falle eines Falles auch wirklich alle zusammen feiern oder zusammen enttäuscht sind.
Wir hatten auch eines. Wir haben nichts gewonnen. Der Wirt sagte, das sei normal und man müsse Geduld haben, er mache das seit vierzig Jahren.
Und dann kam der Teller mit dem Gebäck
Carmen stellte ihn auf den Tisch: turrón, harte und weiche Platten aus Mandeln und Honig, und daneben kleine, in buntes Papier gedrehte Päckchen — mantecados und polvorones.
Ich habe Klaus noch gesagt, er solle warten und zusehen, wie die anderen das machen. Er hat nicht gewartet.
Ein polvorón ist so gebaut, dass er beim ersten Biss in Staub zerfällt — polvo heißt Staub, daher der Name. Deshalb macht man es hier so: Man lässt ihn im Papier, drückt ihn einmal zusammen, dreht ihn auf und schiebt ihn in einem Stück in den Mund.
Klaus hat ihn ausgewickelt und wie einen Keks abgebissen.
Es war eine kleine weiße Wolke. Auf seinem Pullover, auf der Tischdecke, in seinem Bart. Carmens Neffe hat so gelacht, dass er von der Bank gerutscht ist. Klaus saß sehr aufrecht da, hat sich die Wange abgewischt und gesagt, in Deutschland esse man Kekse eben ehrlich.
Seitdem drückt er. Jedes Mal.
Was uns mit der Sprache passiert ist
Erstens: ich wollte Pfeffer. Am 24. haben wir mitgekocht, und ich bat um pimienta — dachte ich. Herausgekommen ist, dass ich zweimal pimiento gesagt habe, und Carmens Schwester brachte mir freundlich zwei rote Paprikaschoten.
Ein einziger Buchstabe:
la pimienta = der Pfeffer · el pimiento = die Paprika
Die Paprika sind in die Soße gewandert und waren, ehrlich gesagt, die bessere Idee.
Zweitens: Klaus und die Uhrzeit. Carmens Bruder rief an und sagte, man treffe sich „a las once". Klaus legte auf und erklärte mir zufrieden, wir würden uns „einmal" treffen — er hatte das englische once im Kopf.
Once ist auf Spanisch die Elf. Wir standen dann um Viertel nach zehn angezogen im Flur, weil Klaus sicherheitshalber früher wollte, und haben fünfundvierzig Minuten gewartet.
Das Fest, von dem hier gerade alle reden
Der spanische Dezember hat eine eigene Reihenfolge, und die überrascht fast jeden Besucher:
22. Dezember — El Gordo. Die Weihnachtslotterie. Der Hauptgewinn heißt el gordo, „der Dicke", und bringt 400.000 Euro auf ein Zehntellos. Fast jeder im Land hat eines, oft geteilt mit Kollegen, Nachbarn oder dem Sportverein.
24. Dezember — Nochebuena. Das ist der große Abend: die ganze familia am mesa, oft bis nach Mitternacht, mit pescado, Lamm, Meeresfrüchten — und am Ende turrón, mantecados und polvorones.
28. Dezember — Santos Inocentes. Der spanische Aprilscherz. An diesem Tag darf man Unsinn erzählen, und die Zeitungen machen mit. Wer eine Papierfigur auf dem Rücken kleben hat, weiß Bescheid.
31. Dezember — Nochevieja. Um Mitternacht schlägt der reloj an der Puerta del Sol in Madrid zwölfmal, und ganz Spanien isst zu jedem Schlag eine uva — zwölf Trauben für zwölf Monate Glück. Das geht schneller, als man denkt; im Handel gibt es die Trauben deshalb längst geschält und entkernt, in kleinen Dosen.
Angefangen hat das 1882 als Spott: Ein paar Madrilenen stellten sich auf den Platz und aßen demonstrativ Trauben. 1909 hatten die Winzer im Südosten eine Rekordernte und machten daraus die uvas de la suerte — die Glückstrauben. Seit damals macht es das ganze Land.
Und die regalos? Die kommen erst am 6. enero, von den Heiligen Drei Königen. Am Abend vorher ziehen sie in jeder Stadt in einem Umzug ein und werfen Bonbons. Aber davon erzähle ich dir im Januar.
Fünf Wörter, die wir diesen Monat gelernt haben
Sie standen alle oben schon in unserem Brief — du hast sie beim Lesen längst verstanden:
| el turrón | der Mandelnougat |
| los mantecados | das Schmalzgebäck |
| la mesa | der Tisch |
| el reloj | die Uhr |
| el regalo | das Geschenk |
Anas Satz für diesen Monat
Es gibt einen Satz, mit dem du dich im ganzen Dezember durch jede Tür, jede Kneipe und jeden Hausflur bewegen kannst, und er ist drei Wörter lang:
¡Feliz Navidad!— Frohe Weihnachten!
Und für die Tage danach, bis weit in den Januar hinein:
¡Feliz Año Nuevo!— Frohes neues Jahr!
Du wirst beides fünfzigmal am Tag hören. Sag es zurück, mehr braucht es nicht.
Wir melden uns im Januar wieder — dann geht es um drei Könige, um einen Kuchen mit einer Bohne darin und um ein Stück Kohle, das aus azúcar ist.
Herzliche Grüße und einen schönen Dezember Renate und Klaus
P.S. von Klaus: Ich habe die zwölf Trauben in elf Schlägen geschafft.
Renate ist bei acht ausgestiegen und behauptet, sie habe gewonnen, weil sie
noch atmen konnte. Wir werden das nächstes Jahr wiederholen, und dann bringe
ich die Dose mit den geschälten mit. Fairness ist mir wichtig.
Ana hat uns eine kleine Aufgabe mitgegeben · Stufe A1
Falls du magst — drei Minuten, die Auflösung steht direkt darunter.
Die Zahlen dieses Monats.
Vier Zahlen sind oben im Brief vorgekommen. Was gehört wozu?
| A | doce | 1 | der Tag der Lotterie |
| B | veintidós | 2 | die Trauben um Mitternacht |
| C | veinticuatro | 3 | der Tag der Könige |
| D | seis | 4 | der große Abend mit der Familie |
Die Auflösung
A–2 · B–1 · C–4 · D–3
💡 Wenn du an Silvester in Spanien bist, zähl beim Üben ruhig laut mit: una, dos, tres… Zwölf Trauben in zwölf Schlägen sind sportlicher, als sie klingen.
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