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Post aus Spanien: um halb sieben morgens standen wir mit Blumen in der Schlange

Post aus Spanien · Oktober — der lange Brief von Renate und Klaus.

Post aus Spanien im Oktober

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir schreiben dir aus Zaragoza, und wir sind seit halb sechs wach.

Das war Klaus' Idee. Er hatte gelesen, dass die ofrenda um halb sieben anfängt, und beschlossen, dass wir dann auch dort stehen. Also saßen wir um Viertel vor sechs im Dunkeln am Frühstückstisch, und es war zum ersten Mal seit Monaten richtig frío — im octubre wird es auch hier ernst.

Und dann kamen wir auf die plaza und haben erst einmal gar nichts gesagt.

Vor uns stand eine halbe Stadt. In einer Schlange, still, jeder mit flores in der Hand — alte Damen in Tracht, Väter mit Kindern auf den Schultern, ein Feuerwehrmann in Uniform mit einem Strauß Nelken. Und ganz vorn, vor der iglesia, wuchs aus lauter Blumen ein Mantel in die Höhe, an dem seit dem Morgengrauen Freiwillige arbeiteten.

Neun Meter hoch wird der am Abend sein. Neun.

Klaus hat versucht, die Leute zu zählen. Er ist bei vierhundert angekommen und hat dann gesagt, er zähle jetzt lieber Blumen, das gehe schneller. Danach hat er aufgehört zu reden, was bei ihm viel heißt.

Neben uns stand eine abuela mit ihrer nieta, vielleicht sechs Jahre alt, beide in Tracht, beide mit einem winzigen Strauß. Die Kleine hat mich angesehen und gefragt, ob ich aus Deutschland komme. Ich habe genickt. Da hat sie mir eine ihrer Blumen in die Hand gedrückt, damit ich auch etwas abzugeben habe.

Ich habe sie hinaufgetragen und oben abgegeben wie alle anderen. Das war, ehrlich gesagt, der schönste Augenblick dieses ganzen Jahres.

Was uns mit der Sprache passiert ist

Erstens: ich wollte eine Vase. Am Nachmittag hatten wir noch Blumen übrig, und ich ging in eine tienda neben dem hotel. Ich sagte, sehr deutlich, sehr freundlich: „Un vaso, por favor."

Der Mann nickte, verschwand, kam zurück und stellte mir ein Wasserglas auf den Tresen. Ein schönes, schweres Wasserglas.

Denn el vaso ist das Trinkglas. Die Vase heißt el jarrón.

Ich habe das Glas trotzdem gekauft. Es steht jetzt in Hamburg auf der Fensterbank und ist mir lieber als jede Vase, weil eine Geschichte drinsteckt. Aber wenn du Blumen unterbringen willst, sag:

Un jarrón, por favor.
Eine Vase, bitte.

Zweitens: Klaus und der Enkel. Am Abend kam er mit dem camarero ins Gespräch, und weil er stolz ist, erzählte er von unserem nieto: „Mi nieto va al gimnasio."

Der Kellner sah beeindruckt aus und fragte, wie alt der junge Mann denn sei. „Zwölf", sagte Klaus.

Kurze Pause. Denn el gimnasio ist das Fitnessstudio. Klaus hatte gerade erzählt, dass unser zwölfjähriger Enkel Gewichte stemmt.

Das Gymnasium heißt hier el instituto. Der Kellner fand die Aufklärung fast schade — er hatte sich schon auf einen deutschen Kraftsportler gefreut.

Das Fest, von dem hier gerade alle reden

Wir sind mitten drin: Las Fiestas del Pilar, vom 10. bis 18. Oktober, neun Tage lang, und die ciudad hat in dieser Woche mehr Menschen als Einwohner.

Der Kern ist der 12. Oktober, die Ofrenda de Flores. Ab halb sieben morgens ziehen die Menschen in zwei langen Zügen durch die calles — über die Calle Alfonso I und die Calle Don Jaime I — und legen ihre Blumen ab. Daraus bauen Freiwillige den ganzen Tag über einen Mantel von über neun Metern Höhe für die Virgen del Pilar.

Am Tag darauf, dem 13., kommt die Ofrenda de Frutos: dann bringen die Regionen Spaniens ihre Früchte statt Blumen, und die gehen anschließend an die Armenküchen der Stadt.

Der ganze Trubel beginnt am 10. Oktober mit dem pregón, der Eröffnungsrede auf der Plaza del Pilar. Und der 12. Oktober ist zugleich der spanische Nationalfeiertag — das halbe Land hat also frei und weiß genau, wohin.

Fünf Wörter, die wir diesen Monat gelernt haben

Sie standen alle oben schon in unserem Brief — du hast sie beim Lesen längst verstanden:

la ofrendadie Gabe
las floresdie Blumen
la iglesiadie Kirche
la nietadie Enkelin
la tiendader Laden

Anas Satz für diesen Monat

Im Oktober ist es hier voll. Sehr voll. Ana hat uns für genau diesen Fall einen Satz mitgegeben, und ich habe ihn an diesem einen Tag bestimmt vierzigmal gebraucht:

¿Puedo pasar?— Darf ich durch?

Drei Wörter, und die Menschen treten zur Seite und lächeln dabei. Wer möchte, hängt noch ein Verzeihung davor — dann tritt sogar die halbe Reihe zur Seite.

Wir melden uns im November wieder. Dann sind wir zurück im pueblo, und Carmen hat etwas angekündigt, das mit Gebäck zu tun hat.

Herzliche Grüße aus Zaragoza Renate und Klaus

P.S. von Klaus: Ich habe vierhundert Menschen gezählt und dann aufgegeben.
Wer mich kennt, weiß, dass ich nie aufgebe — ich habe lediglich beschlossen,
das Ergebnis für später aufzuheben. Nächstes Jahr nehme ich einen Zähler mit.
Renate sagt, dann fahre ich allein.

Ana hat uns eine kleine Aufgabe mitgegeben · Stufe A1

Falls du magst — drei Minuten, die Auflösung steht direkt darunter.

Ein Satz, drei Situationen.

¿Puedo pasar? heißt „Darf ich durch?". In zwei dieser drei Lagen bringt er dich weiter — in welchen?

ADu stehst in einer vollen Straße und möchtest nach vorn.
BIm Bus versperrt jemand den Weg zur Tür.
CDu möchtest wissen, was das Essen kostet.

Die Auflösung

A und B. Dort treten die Leute zur Seite und lächeln dabei. Für C hast du schon einen eigenen Satz, aus Lektion 8: ¿Cuánto es todo? — Was macht das alles zusammen?

💡 Das Schöne an ¿puedo pasar?: Es geht auch am Tisch, wenn du an jemandem vorbei möchtest, und an der Kasse, wenn eine Schlange steht.

Post aus Spanien kommt einmal im Monat. Wenn Sie mögen, geben Sie ihn weiter — er ist für alle da.

Post aus Spanien kommt einmal im Monat.

Probieren Sie es aus

Renate und Klaus sind die beiden aus dem Kurs Spanisch für Erwachsene ab 50. Er beginnt ganz von vorn — mit Dialogen aus dem Alltag, langsamem Ton und großer Schrift. Die erste Lektion steht offen für Sie bereit: rund zwanzig Minuten, und am Ende sprechen Sie Ihren ersten spanischen Satz.

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