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Post aus Spanien: wir haben Heiligenknochen gegessen

Post aus Spanien · November — der lange Brief von Renate und Klaus.

Post aus Spanien im November

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir sind zurück im pueblo, und Carmen hat Wort gehalten. Sie hatte im Oktober etwas angekündigt, das mit Gebäck zu tun hat, und am ersten noviembre stand sie um zehn vor der puerta und sagte: „Kommt mit. Wir kaufen Knochen."

Ich habe nachgefragt. Sie hat genickt. Knochen.

Zwanzig Minuten später standen wir in der pastelería am Platz, vor einer Auslage voller kleiner weißer Röllchen, ordentlich in Reihen wie Pralinen. Sie heißen huesos de santoHeiligenknochen. Marzipan außen, süße Eiercreme innen, und sie sehen tatsächlich aus wie kleine, sehr gepflegte Knochen.

Daneben lag die zweite Sorte des Tages: buñuelos de viento, „Windkrapfen", weil sie beim Backen aufgehen und innen fast hohl sind.

Wir haben von beidem gekauft, und ich sage dir: Der Name ist das Gruseligste daran. Danach wird es nur noch gut.

Und dann sind wir mit auf den cementerio gegangen, und das war der Teil, den ich vorher falsch erwartet hatte.

Bei uns geht man da still hin, allein, und kommt schnell wieder. Hier war es voll. Ganze familias mit Eimern, Bürsten und Armen voller flores — vor allem Chrysanthemen, die hier zu diesem Tag gehören wie bei uns die Kerze. Die Gräber wurden geputzt, geschrubbt und geschmückt, und zwischendurch wurde geredet, gelacht und gefragt, wie es den hijos geht.

Carmen hat uns ihre Eltern vorgestellt. So hat sie es gesagt: vorgestellt. Sie hat am Grab gestanden, die Hand auf den Stein gelegt und uns der Reihe nach genannt, mit Namen, wie man das eben macht, wenn Besuch kommt.

Ich habe an dem Nachmittag mehr über dieses Land verstanden als in zwei Sommern.

Was uns mit der Sprache passiert ist

Erstens: Klaus und seine Erkältung. Er hatte sich am Friedhof den kalten viento eingefangen, und am nächsten Tag erklärte er es jedem, der ihn grüßte, mit einem Wort, das er stolz nachgeschlagen hatte: „Estoy constipado."

Ich habe ihn am Ärmel gezogen. Ich dachte, er erzählt der halben Nachbarschaft etwas sehr Persönliches über seine Verdauung.

Aber: estar constipado heißt auf Spanisch schlicht erkältet sein. Klaus lag zur Abwechslung richtig, und ich stand daneben und wusste es besser. Er erwähnt das bis heute etwa einmal pro Woche.

Estoy constipado.— Ich bin erkältet.

Zweitens: mein Fehler, und der ist der peinlichere. Beim café sagte ich über Carmens Nachbarn, einen freundlichen älteren Herrn, der uns beim Parken geholfen hatte: „Es muy rico."

Ich meinte: Er ist reizend. Am Tisch wurde es kurz still, dann hat Carmen gelacht.

Denn rico heißt zwar „köstlich", wenn es ums Essen geht — bei einem Menschen heißt es reich. Ich hatte gerade den Vermögensstand des Nachbarn kommentiert.

Wenn du sagen willst, dass jemand nett ist, nimmst du das Wort aus Lektion 4:

Es muy simpático.— Er ist sehr nett.

¡Qué rico! bleibt dem Essen vorbehalten. Und den huesos de santo.

Das Fest, von dem hier gerade alle reden

Todos los Santos, Allerheiligen, am 1. November. Es ist in Spanien ein Feiertag, und er gehört den Familien.

Am Vormittag sind die Konditoreien voll: huesos de santo und buñuelos de viento gibt es genau in diesen Tagen, und in vielen Orten stehen die Leute dafür in einer langen Schlange. Am Nachmittag geht man auf den Friedhof, putzt, schmückt und bleibt eine Weile.

Und abends läuft in vielen Städten seit über hundert Jahren dasselbe Theater: Don Juan Tenorio, ein Stück von 1844, das um diese Zeit spielt und das halbe Land auswendig mitsprechen kann.

Was uns am meisten aufgefallen ist: Der Tag ist ernst, aber er ist nicht traurig. Er ist ein Familientag mit Süßem.

Fünf Wörter, die wir diesen Monat gelernt haben

Sie standen alle oben schon in unserem Brief — du hast sie beim Lesen längst verstanden:

la pasteleríadie Konditorei
el cementerioder Friedhof
las floresdie Blumen
el vientoder Wind
el caféder Kaffee

Anas Satz für diesen Monat

Wenn dir jemand etwas anbietet, das du nicht kennst — ein weißes Röllchen zum Beispiel —, dann brauchst du keinen langen Satz. Ana hat uns diesen hier mitgegeben, und er passt in der Konditorei genauso wie am Marktstand:

¿Qué es esto?— Was ist das?

Du bekommst dann meistens eine Antwort mit Händen, ein Stück zum Probieren und eine Geschichte dazu. Und wenn es dir schmeckt, weißt du ja inzwischen, was man sagt: ¡Qué rico!

Wir melden uns im Dezember wieder. Dann geht es um Lose, um Mandelgebäck und um zwölf uvas in zwölf Sekunden.

Herzliche Grüße aus dem pueblo Renate und Klaus

P.S. von Klaus: Am Friedhof habe ich Renate gesagt, wo ich später einmal
liegen möchte. Sie hat gesagt, das sei ein sehr schöner Platz und sie kümmere
sich darum, sobald es so weit ist. Etwas an der Betonung hat mir nicht
gefallen.

Ana hat uns eine kleine Aufgabe mitgegeben · Stufe A1

Falls du magst — drei Minuten, die Auflösung steht direkt darunter.

Was steht in der Auslage?

Sechs Schilder, die du im November in jeder spanischen Konditorei liest. Rate ruhig.

1HUESOS DE SANTO
2BUÑUELOS DE VIENTO
3HOY RECIÉN HECHO
4DOCENA
5PARA LLEVAR
6CERRADO LOS LUNES

Die Auflösung

1 Heiligenknochen · 2 Windkrapfen · 3 heute frisch gemacht · 4 ein Dutzend · 5 zum Mitnehmen · 6 montags geschlossen

💡 para llevar ist der Satz des Monats: Er gilt in der Konditorei, im Café und beim Essen — un café para llevar, und du hast ihn in der Hand.

Post aus Spanien kommt einmal im Monat. Wenn Sie mögen, geben Sie ihn weiter — er ist für alle da.

Post aus Spanien kommt einmal im Monat.

Probieren Sie es aus

Renate und Klaus sind die beiden aus dem Kurs Spanisch für Erwachsene ab 50. Er beginnt ganz von vorn — mit Dialogen aus dem Alltag, langsamem Ton und großer Schrift. Die erste Lektion steht offen für Sie bereit: rund zwanzig Minuten, und am Ende sprechen Sie Ihren ersten spanischen Satz.

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